| Über uns - Hintergrund | |
| Von Isidor Fuchser: Ich kriegte eines Tages ein junges Mädchen in meine Trainingsgruppe, die warf weit über 50m im Ballwurf und hatte den grössten Willen zum Training und Wunsch zum Speerwerfen, dem ich je begegnet bin. Ich war begeistert, loderte in mir doch dasselbe Feuer! Für mich als jungen Trainer war das aber auch eine grosse Verantwortung - und diese Verantwortung trage ich persönlich. Ich wollte sie so gut trainieren, wie es nur irgendwie möglich ist und war bereit, jeden erdenklichen Aufwand auf mich zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon etwa 8 Jahre als Nachwuchsleiter tätig. Und mit der dreistufigen Leiterausbildung des Verbands im Rücken hatte ich auch schon einige Athletinnen mit konventionellem Training und Technik über die 40m-Marke gebracht (Marzohl, Aellig, Rohrbach, Bütikofer). Aber über die 45m-Marke gelangte ich damit -wie 99% der anderen schweizer Trainer- nicht. Doch diese Athletin war anders. Sie übertraf alle vorhin von mir trainierten Athletinnen punkto Voraussetzungen um Längen. Folglich musste ich auch versuchen, mich als Trainer fit für wirkliche Spitzenleistungen zu machen. Ich las jede Publikation über Speerwurf, die ich kriegen konnte und machte mich über die Speereler-Szene bei uns und im Ausland schlau. Warum ( Schon nach kurzem rieb ich mir verwundert die Augen: warum "gurken" in der Schweiz die besten Speerwerferinnen seit vielen vielen Jahren konstant bei 40-50m rum und werden oft sogar noch von Mehrkämpferinnen besiegt, während in Deutschland regelmässig 60m-Werferin rausgebracht werden? Rein statistisch gesehen müssten wir aus unserer 7-Mio-Bevölkerung mit gleichem Training doch wenigstens alle 10 Jahre eine 60m-Werferin oder einen 80m-Werfer rausbringen...tun wir aber nicht. Warum? Was machen die denn anders? Oder was machen wir falsch? In diesem Licht war es für mich ein Zeichen dafür, dass die konventionellen von schweizer Trainern beschrittenen Wege (ob das nun der Verbandstrainer oder die Heimtrainer sind) nicht unbedingt oder zumindest nicht in jedem Fall die erfolgsversprechendsten sein könnten. Einzige Ausnahme bildete in diesem Zusammenhang Stefan Müller. Ausser ihm schaffte es bis 2007 kein schweizer Athlet im Speerwurf über den U18-Bereich hinaus international auf Augenhöhe mit der gleichaltrigen Konkurrenz zu werfen. Das ist eine reine Tatsachen-Feststellung. Wie erwähnt: ich trage als Trainer die Verantwortung für meine Athletin alleine. Und da ich an diesem Entscheidungspunkt im 2007 nicht bereit war, einen Weg zu beschreiten, der offensichtlich keinen Erfolg verspricht, begann ich nach den Erfolgsrezepten der besten Nachwuchswerferinnen im Alter von 14-18 Jahren zu suchen. Nachdem ich mir von den für mich überzeugendsten schweizer Trainern (Kriterium: wie werfen seine Athleten, und passt dieser Weg zu Nathalies Stärken-/Schwächenprofil) persönliche Trainingsbesuche machte, begann ich mit persönlicher Kontaktaufnahme, Lehrgangs- und Trainingsbesuchen im Ausland. Deutscher Einfluss - Reinhold Paul Eines Tages kriegte ich ein Mail von einem Trainer aus Waldkraiburg (D), der einige meiner Publikationen auf der BLV-Website übers Speerwerfen gelesen hatte und mir einige gute Verbesserungsvorschläge machte. Er hiess Reinhold Paul und war genauso verrückt wie ich - herrlich!!! Es stellte sich heraus, dass er einige der besten Nachwuchswerferinnen trainierte, die Deutschland je hervorgebracht hatte: Olivia Morris, Susanne Zimmermann, Claudia Schwemmer...alles über 50m-Werferinnen. Genau das hatte ich gesucht! Der Kontakt mit Reinhold Paul intensivierte sich und etwa ein halbes Jahr später, im Mai 2007 nahm ich mit 3 berner Athleten an einem Trainingsweekend in Bayern teil. Ich filmte fast 4 Stunden und durchleuchtete alles kritisch und akribisch. Das meiste überzeugte mich und ich entschloss mich, mit meiner Athletin Nathalie Meier mal den Versuch zu wagen! Wir trainierten nicht mehr als vorher, aber mit all den (unspektakulären) Übungen konsequent so, wie in Waldkraiburg gelernt. Bereits einige Wochen später, warf Nathalie in Alpnach weit über 40m. Und in Zofingen im August 2007 sogar über 45m. Es folgte der Schweizermeister-Titel - notabene gegen den älteren Jahrgang. Seither experimentierte ich mit dieser Technik, passte sie auf Nathalie noch etwas an und besuchte Reinhold mit meiner Gruppe fortan jeden April, wo wir jeweils ein dreitägiges Trainingsweekend absolvierten. Finnischer Einfluss - Keihäskarnevaalit und Hannu Kangas Im 2008 und 2010 fuhr ich mit Nathalie zum Keihäskarnevaalit, dem grössten Speerwurf-Sportfest von Finnland. Dies ist nicht nur ein Wettkampf sondern auch zwei Tage "Speerschule" mit den besten Trainern Finnlands. Hier profitierten wir vor allem im 2008 sehr stark von finnischem Know-How im Bereich Technik, Training und Kraft. Hier erweiterten wir auch unser Netzwerk. Unter anderem entwickelte sich eine Freundschaft mit Festival-Organisator Hannu Kangas. Dies führte dazu, dass wir im 2010 und 2011 jeweils eine Woche zu ihm in die Sportschule nach Kuortane fuhren und mit Nathalie Einzeltrainings absolvierten. Hannu nahm sich mit viel Feingefühl der Verbesserung von Nathalies Technik, insbesondere im Bereich des Blockens an und optimierte ihren sehr individuellen Anlaufstil in fantastischer Weise." Fazit: Der Erfolg gibt uns recht Seit 2007 sind wir in unserer Gruppe nun daran, das Speerwerfen etwas anders anzugehen. Ich weiss noch sehr gut, dass es in den Jahren 2009 bis 2010 einige Trainer gab, die unsere Übungen heftig kritisierten. Nun, wenn ich meine ärgsten Kritiker von damals heute betrachte, fühle ich mich absolut nicht als Verlierer. Wir sind unseren Weg gegangen. Dieser hat für uns gestimmt und uns zum Erfolg geführt. Aber auch dieser Weg kann nicht verallgemeinert werden. Nathalie Meier ist heute eine konkurrenzfähige Athletin, nahm nach der EYOF 2009 (Bronze) im Folgejahr erfolgreich an der EYOT (Sieg) und den YOG (9. Rang trotz Krankheit am WK-Tag) und der U20-EM im 2011 (11. Rang / 4. Rang im Jg. 1993 in Europa / Schweizerrekord Aktive mit 53.45m) teil. Auch eine Breitenwirkung konnte erzielt werden: in den Nachwuchskadern 2011 von Swiss Athletics entstammten vier der sechs selektionierten Speerwerferinnen aus der Berner Stützpunktgruppe. Insofern glaube ich nicht, dass der eingeschlagene Weg ein Falscher war - der Erfolg gibt uns ja recht. Und die anderen sollen selber beurteilen, wie sie sich seither selber verbessert haben. Hoffnung für die Zukunft des Schweizer Speerwurfs Mit grösster Freude stellen wir fest, dass seit 2010 mit Lukas Wieland (Jg. 1994) und schon bald auch mit Nadja-Marie Pasternack (Jg. 1996) zwei weitere Schweizer Speerwerfer den internationalen Anschluss geschafft haben. Dass diese mit ihrem Trainer einen anderen Weg gehen als wir ist (da sie andere Anlagen mitbringen als Nathalie) gut! So bestehen in der Schweiz nämlich schon mindestens zwei nachweislich funktionierende Lösungswege für Athleten mit internationalem Potenzial. Im Interesse der Förderung der schweizer Speer-Athleten sind so ja nun die Vorzeichen für eine bessere Zukunft besser als auch schon. Gerne geben wir unsere Erfahrungen auch weiter und publizieren deshalb unsere Ideen und Übungen für jeden zugänglich auf dieser Website. Und wir geben jedem gerne Rat, der uns danach fragt.
|